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wie wir sind

Interview zum aktuellen deutschsprachigen Album „WIE WIR SIND“

SCHALL MAGAZIN fragt JANA GROß

Ich habe mir kürzlich euren Silvester-Auftritt am Brandenburger Tor angesehen. Die Leute singen nach wie vor euren Hit „Rescue Me“ mit. Wie fühlt sich das für euch an? Was bedeutet euch dieser Song heute?

Es fühlt sich ganz wunderbar an, wenn soviele Menschen etwas mit einem Song verbinden. Es ist ja der Traum der meisten Musiker, die viel Herzblut und Zeit in ihre Musik stecken. Das uns das passiert ist, ist ein Geschenk!

„Rescue Me“ war nicht nur bei uns ein Hit, der Song platzierte sich auch in den UK-Charts, es gab Gold in Ländern wie Spanien und Schweden. Wie hat die Nummer euer Leben verändert?

Rescue me ist tatsachlich einer der ersten Songs, die wir überhaupt geschrieben haben und er hat uns somit schon am Anfang unserer Bandgeschichte die ganze Welt gezeigt. Wir spielen ihn nach wie vor gern, er ist wie ein kleiner Junge, dem man immer in die Backen kneifen will.

Auch wenn sich der Erfolg in dieser Größenordnung nicht wiederholen ließ, wart ihr nie wirklich weg gewesen. Es gibt von euch sieben Alben und Ihr tourt regelmäßig. Dennoch sprechen die Medien aktuell von eurem Comeback. Ärgert euch das?

( es gibt 6 Alben inkl. Wie wir sind und 2 Unplugged-Mitschnitte in Abumform 😉)
Die Medien und die meisten Menschen haben uns sicher nicht mehr auf dem Schirm. Es ist einfach so, dass nicht automatsich über neue Veröffentlichungen oder Touren berichtet wird, wenn nicht etwas großartiges nebenbei passiert. Dann gibt das schon eher eine Meldung. Also Trennungen, Schulden, Alkohol usw. Oder man ist Herbert Grönemeyer – in diesem Status sind sicher auch musikalische Geschehnisse erwähnenswert. Unsere Situation ist ja, das der Hit und das darauffolgende Album vor 21 Jahren und somit in einer Zeit existierten, in der das Internet ganz am Anfang stand. Es gab keine sozialen Medien, die heute sehr hilfreich beim Wahrnehmen und Unterstützen der Künstler sind. Da kommen wir jetzt – 2018 für viele tatsächlich aus den 90ern…..Dafür fällt aber auf, das die, die uns noch kennen oder gerade wiederentdecken, sehr interessiert und treu sind.

Ich erinnere mich an den Tatort-Schimanski-Song „Bliss In My Tears“ und selbst Sheryl Crow hatte euch mal einen Song geschrieben. An welche Erlebnisse und Eindrücke denkst du zuerst, wenn du auf die letzten 20 Jahre zurückschaust.

Ich bin wirklich sehr dankbar, für viele Begegnungen, die sich aus der Musik und deren Umfeld – sei es auf Tour oder im Studio ergeben haben. Und dann sind es natürlich Konzertereignisse, wie die Support-Touren für Roxette und Witney Houston in Deutschland, große Festivals in anderen Ländern mit vielen coolen Kollegen und die Shows auf dem Eis mit Katarina Witt hier und in den USA. Das sind Momente, die unabhängig von Erfolg immer bleiben.

Was würdest Du jemanden von Bell, Book & Candle erzählen, der noch nie von Euch gehört hat?

Uiii, das ist schwierig. Ich würde vielleicht empfehlen, ein Konzert zu besuchen, vielleicht am besten ein Akustisches. Da haben wir die Ruhe und die Zeit, außer dem Spielen der Songs auch etwas zu erzählen aus den letzten 23 Jahren. Das führt oft bei Zuschauern und uns zu richtig fiesen Lachanfällen und macht großen Spaß.

Ein Comeback ist es also nicht, aber würdest du unterschreiben, dass es sich um einen Neuanfang handelt. „Wie wir sind“, euer neues Album, ist immerhin euer erstes mit durchweg deutschen Texten.

Auf jeden Fall! Es war schon eine komplett neue Situation, zu sehen, ob da überhaupt etwas Erzählenswertes von uns kommt. Die ersten Schritte waren da die Texte zu „Wartesaal“ und „Durch die Jahre“. Dazu wurde dann komponiert. So folgte erstmals bei unserem Songwriting die Form dem Inhalt. Wobei es andersrum nicht automatisch weniger intensive Texte bedeutet. Ich hab mir auch bei allen vorangegangenen Alben sehr viel Gedanken um die Texte gemacht, auch wenn englisch nicht meine Muttersprache ist.

Wann und wodurch kam der Entschluss, deutschsprachige Songs zu machen?

In Zusammenhang mit Bell Book dachte ich immer, dass das nicht funktioniert. Wenn ich bekannte deutsche Songs vor mich hingesungen habe, verfiel ich immer schnell in ein bestimmtes Muster. In so einen Mix aus Jäger-Volks-und Marschmusik. Wir haben dann angefangen, in den Konzerten mal einen Song der Puhdys, der einen sehr eindringlichen Text hat, zu spielen. Und die Reaktionen darauf waren echt überwältigend. Da sind wir irgendwie auf den Geschmack gekommen. Und dass so ein Wechsel auch super funktionieren kann, hat man ja bei Sarah Connor gesehen. Das nenn ich dann mal Herausforderung.

Die neuen Bell Book & Candle-Songs sind nicht deine ersten deutschen Sachen. Du hattest für TV-Soundtracks die Texte geschrieben. Was waren das für Produktionen?

Das waren Songs für den KIKA „Schloss Einstein“ oder auch – gemeinsam mit Martin Engler die Titelmusik zur ARD-Serie „Das Beste aus meinem Leben“.

Und du warst mitverantwortlich für den Erfolg von Eisblume, oder?

Na es waren zumindest 7 meiner Texte auf deren erstem Album und einer für das Hörbuch „Die Wolf-Gäng“ von Wolfgang Hohlbein, dass Ria von Eisblume dann auch sehr schön gesungen hat.

Der Eisblume-Hit „Louise“ ist sogar eine Coverversion von euch…

Ja, dazu gibt es auch ein sehr starkes Video mit Ludwig Trepte, was echonominiert wurde. Als die ersten Songs für Eisblume gesucht wurden, habe ich unser „Louise“, vom 2005er Album „bigger“ in die deutsche Sprache gebracht und alle Beteiligten fanden das sehr passend und emotional. Das hat uns natürlich gefreut, da wir trotz einiger Bemühungen mit unsere Version nur sehr wenig Aufmerksamkeit erzielen konnten. Die Belohnung kam dann sozusagen durch die deutsche Hintertür.

Die Texte schreibst du wie früher auch schon die englischen. Würdest du sagen, dass eure deutschen Lyrics eine andere Qualität haben? Und fällt es dir schwerer, dich in der eigenen Sprache auszudrücken?

Na ich musste erst mal mit mir selber klarkommen. Fallen mir schöne Texte ein, kann ich das, was ich sehe, höre, lese auch so auffassen und ausdrücken, dass es wen interessiert, zunächst mal meine Kollegen und dann die Menschen im Konzert? Wie klingt meine Stimme in deutsch? Sind wir als Band noch erkennbar? Wir wollten ja unter unserem Namen weitermachen…. Als ich merkte, dass es einen Ansatz gab und ein Interesse seitens Produzenten und Labels, war ich angeknipst und dann öffnete sich eine imaginäre Tür. Klingt etwas hochtrabend, aber das fällt mir dabei ein.

Ich empfinde eure Lyrics als sehr erwachsen. Ich denke, sie könnte kein 25-jähriger singen. „Welt von oben“ oder auch der Titelsong des Albums, „Wie wir sind“, stehen exemplarisch dafür. Siehst du das auch so?

Ja, das ist jetzt sozusagen meine Sprache in meinem Alter in Verbindung mit unser Musik. Eine bestimmte Art, sich auszudrücken innerhalb von Melodien, die aus den Vorlieben und Einflüssen dreier Menschen zusammenkommt.

In „Nullpunkt“ beschäftigst du dich z.B. mit Abschied und Trauer, und in „Durch die Jahre“ thematisiert das Schicksal eines Obdachlosen, der den Teufelskreis nicht durchbrechen kann. Starker Tobak für durchaus eingängigen Pop, oder?

( es ist ein Mädchen….also eine Obdachlose..)
Sicher gibt es einige Musiker, die sich mit solchen Themen beschäftigen – vielleicht ist der Rahmen des eingängen Pop dazu tatsächlich etwas ungewöhnlich. Ich würde aber Menschen nicht unterschätzen, die das Album einer Popband kaufen. Es sind ja Themen, mit denen jeder mehr oder weniger konfrontiert ist. Ich versuche immer, eine Hoffnung zu vermitteln, dass es besser wird – oder irgendwie erträglich.

Verblüffend ist auch, dass sich viele deiner Texte verschieden interpretieren lassen. Dass es in „Wartesaal“ um ein altes Paar geht, das sich durch Demenz nicht die Liebe nehmen lässt, habe ich erst spät erkannt.

Das liegt sicher daran, dass die Musik ja nicht schwermütig daherkommt. Man hat beim Hören keineswegs den Gedanken: das ist ja furchtbar, ich kann nicht mehr, auf Wiedersehen!

„Wo willst du hin“ und „Woran glauben wir“ sind unmissverständlicher, es geht um die Wichtigkeit, aber auch die Schwierigkeiten der eigenen Positionierung. Inwieweit ist es euch wichtig, als Band politisch zu sein?

Für mich heißt politisch sein, dass ich versuche, die Zusammenhänge zu erkennen. Also wem nützt eine Entscheidung oder eine Aussage. Das bezieht sich auf die Musik, aber auch auf den Umgang aller miteinander. Zuerst denke ich bei eigenen Aktionen immer, wie ich gern behandelt werden würde. Ich möchte niemandem zu nahe treten und versuche, nicht gleich zu urteilen. Anderen Menschen ihr Gesicht zu lassen – haben sie meiner Meinung nach noch so hirnrissige Ansichten, finde ich wichtig. Respekt, Mitgefühl und einfach mal ausreden lassen….

An wen hast du gedacht, als du „Liebeslied“, die neue Single, geschrieben hast? „Es gibt Menschen, die sind Lieder / und du bist ein Liebeslied.“

Einen Menschen mit einem Lied zu vergleichen, hat mir gefallen. Weil es die beste Art für mich ist, meine Liebe auszudrücken. Ich habe durch die Musik diese Möglichkeit und es gibt Einige, die ich mit dem Titel bezeichnen würde. Das sind abhängig von meiner Situation meist unterschiedliche Menschen. Für alle Grübeleien, Sorgen, Gefühle gibt es wen. Mit denen teilt man das dann und dann ist es nicht mehr ganz so schlimm. Gern und oft teile ich natürlich mit meinen beiden Kollegen Andy und Henne, denn die sind seit 30 Jahren meine Familie.

Natürlich möchte ich auch über die Musik sprechen. Für mich hat „Wie wir sind“ vieles, was ich auch an euren früheren Alben sehr geschätzt habe: die vielen Hooklines, die verschiedenen Stimmungen und Einflüsse, die Transparenz im dennoch druckvollen Sound… Wo siehst du das Album?

Alle Songs sind mit Gitarre, Bass und Gesang entstanden – ob nun zuerst die Komposition und dann der Text war oder andersrum. So ist der Song die Grundlage. Dann erhält er ein schönes Kleid, oder besser gesagt eine Kleidung, die uns dreien gefällt – nicht immer gleichermaßen, aber doch gefällt. Dann kommt durch unsere Produzen Ingo Politz und Lukas Schaaf der Druck und die Transparenz rein. Ich würde es so beschreiben: Es ist ein Album, das knallt und glitzert und dennoch berührt.

Wie entstehen eure Songs? Und hat sich das im Laufe der Jahre geändert?

Schon beantwortet…hihi.

„Sieben Seen“ richtet sich 100%ig an deinen Sohn. Es geht aber nicht nur um eine ganz besondere Liebe, sondern auch darum, im richtigen Moment loslassen zu können. Tom ist mittlerweile erwachsen und ebenfalls Musiker. Er ist u.a. Schlagzeuger von Alexa Feser und trommelt auch in der Livebesetzung von Bell Book & Candle. Welche Gedanken hast du dabei?

Ich hoffe, dass er unsere Termine im Kopf hat und pünktlich am Proberaum ist…. Nein, er schon ein toller Kerl und ich bin sehr sehr froh, dass er glücklich ist, mit dem was er macht. Er ist ja auch Lichtdesigner, somit auch immer lange unterwegs in irgendwelchen Bussen mit Max Giesinger, Mia, Wincent Weiss und auch anderen Bands. Scheinbar kann er da gut schlafen und ich seh in meiner Freunde App auch immer, ob und wo er gut angekommen ist, der Busfahrer nicht eingeschlafen und so. Es ist auch in Ordnung, mal bei den Eltern auszuziehen. Das habe ich schon mit 17 getan. Trotzdem fällt es natürlich schwer, wenn da jetzt so ein leeres Zimmer ist. Zumal er ja sein ganzes Leben bei mir quasi durchgequatscht hat…….

Überhaupt scheint ihr alle sehr eng verbunden, Andy und Henne sollen bereits als Jugendliche in einer gemeinsamen Band gespielt haben. Obendrein war auch euer heutiger Manager Jörn Güttler dabei.

Ja, wir sind eine tolle Gemeinschaft, kennen uns alle ewig und haben somit auch sämtliche Kleinkriege durch. Das ist sehr förderlich für eine ehrliche und konstruktive Zusammenarbeit. Wir haben uns wirklich gern und sind die dicksten Freunde. Ich glaube, das ist der hauptsächliche Grund, dass wir nach allen Höhen und Tiefen noch zusammen sind, sozusagen die Wurzel all unseres Glücks.

Ist es eigentlich von Vorteil, wenn man schon so lange miteinander arbeitet? Wie schafft man es, sich immer wieder neu zu motivieren? Könnt Ihr Euch noch untereinander überraschen?

Zu dritt geht das schon mit dem Motivieren. Einer braucht immer einen kleinen Tritt und ich gebe zu, dass ich schon gern mal austeile……dabei macht aber immer der Ton die Musik, ganz wichtig! Das mussten wir auch in dieser langen Zeit miteinander lernen.

Eine echte Familienzusammenführung ist auch die Wahl des Produzenten. Ingo Politz zeichnete bereits für eure ersten Produktionen verantwortlich. Inwiefern hat sich die Zusammenarbeit mit ihm im Vergleich zu früher geändert?

Ingo war für uns der erste Ansprechpartner mit den neuen Songs. Wir hatten vier zusammen und sind dann zu ihm zum Vorspielen. Er war begeistert und hatte sofort eine Vision. Wir sind dann erst mal wieder nach Hause und haben eine Flasche Rotwein aufgemacht – voller Freude und dennoch ungläubig über seine Begeisterung. Und mit jedem neuen Song dachten wir: jetzt sagt er uns gleich, wie doof er die wirklich findet…….Nun ist das Album fertig und unabhängig von dessen Erfolg sind wir einfach glücklich, diese wunderbare Zeit des Schreibens und Produzierens gemeinsam erlebt zu haben.

Das Musikbusiness hat sich sein Euren ersten Erfolgen komplett geändert. Welche Veränderungen habt Ihr in der Band erlebt? Erschreckt euch der Gedanke, dass Euer neues Album nur noch gestreamt werden könnte?

Damit kenn ich mich überhaupt nicht aus. Man zeigt es mir und schon hab ichs vergessen. Wir stehen alle sehr auf CDs, Vinyl, Kassetten. Alles, was man ewig auseinander nehmen, durchlesen, einfach anstarren kann. Aber mittlerweile gibt es ja für alle Streamer auch die Gema Datenbank, wo man die Urheber nachlesen kann und obendrein Portale, die die Texte anbieten. Stimmen nur manchmal nicht…. Booklets finden wir alle einfach schön!

Schlussfrage: Wo siehst du Bell Book & Candle in fünf Jahren?

Auf der Autobahn……..lalalalla. Ich fahre zu gern über Land und wir sind einfach die glücklichsten und aushaltbarsten Menschen, wenn wir unterwegs und auf der Bühne sind. Also bleiben wir einfach da!

CHRSITIAN HENTSCHEL

Louise [unplugged]

Album: 3 Day’s Under Pressure | 2009